Zum 25-jährigen Bestehen von dok.at blickte Christian Krönes im Namen des dok.at Vorstands auf den Stellenwert des Dokumentarfilms in Österreich, auf bereits durch die Initiative Erreichtes und auf Herausforderungen der nächsten Jahre.
Im Bild der dok.at Vorstand beim Fototermin am Jubiläumsabend. Von hinten links: Victor Gangl, Julia Mitterlehner, Susi Dollnig, Daniela Praher, Peter Drössler, Christa Auderlitzky, Christian Krönes,Bettina Henkel (assoziiert), Leider nicht im Bild: Lukas Ladner

Vor 25 Jahren wurde mit dok.at eine Initiative gegründet, die den österreichischen Dokumentarfilm nachhaltig geprägt hat. Was als Zusammenschluss engagierter Filmschaffender begann, entwickelte sich zu einer wichtigen Plattform für Austausch und Vernetzung, sowie zu einer kulturpolitischen Interessenvertretung. Ein Vierteljahrhundert später präsentiert sich dok.at mit über 160 Mitgliedern als wesentliches Sprachrohr der österreichischen Dokumentarfilmschaffenden, das sich kontinuierlich dafür einsetzt, österreichische Produktionen sichtbarer zu machen, ihre Vielfalt zu fördern und die professionellen Rahmenbedingungen zu verbessern. Das Jubiläum lädt nicht nur zu einem Blick zurück, sondern wirft vor allem Fragen nach Gegenwart und Zukunft eines Genres auf, das trotz hoher Anerkennung zunehmend unter Druck steht. Die Herausforderungen der nächsten Jahre sind vielfältig: Wie kann der Dokumentarfilm im digitalen Zeitalter bestehen, ohne sich ästhetisch an die schnell konsumierbaren Formate sozialer Medien anzupassen? Wie lässt sich dieses zeitaufwendige Filmformat finanzieren, wenn Budgets stagnieren, während die qualitativen Erwartungen stetig steigen? Und wie kann eine neue Generation von Filmemacher*innen ermutigt werden, in einem Umfeld voller Unsicherheiten dennoch den dokumentarischen Weg einzuschlagen? Zukunftsfähig wird das Genre nur bleiben, wenn es gelingt, strukturelle Verbesserungen dauerhaft zu verankern. Gleichzeitig muss es dem Dokumentarfilm aber auch weiterhin erlaubt sein zu experimentieren – formal und narrativ. Denn nur so kann er seiner Rolle gerecht werden, als kulturelles Gedächtnis, als kritischer Spiegel und künstlerischer Denkraum.
Der Dokumentarfilm ist wohl eine der eigenwilligsten und zugleich vielschichtigsten Kunstformen. Er bewegt sich an einer fließenden Grenze zwischen Beobachtung und Gestaltung, zwischen Realität und Interpretation. Sein Stoff ist das Leben selbst – einzigartig, widersprüchlich und oft unberechenbar. Es geht darum die Wirklichkeit nicht nur abzubilden, sondern erfahrbar zu machen, das Unsichtbare zu beleuchten, das Unbekannte nahezubringen. Er führt uns in Lebenswelten, in die wir selbst nie vordringen würden und gibt Menschen eine Stimme, die in unserem Alltag oft überhört werden. Dokumentarfilm entschleunigt, wo die Medienwelt rasant an Tempo zulegt, er gräbt tiefer, wo Schlagzeilen oberflächlich bleiben. Und er erlaubt Zweifel, wo Ideologien Gewissheit versprechen. Ein dokumentarischer Film kann niemals politische Prozesse ersetzen, aber er ist in gewisser Weise ein Seismograph, der die feinen Erschütterungen registriert, bevor sie zu Beben werden.
Die Welt erfährt gegenwärtig einen ungeahnten Paradigmenwechsel. In unserer Gesellschaft über Jahrzehnte mühsam Erkämpftes droht wieder verloren zu gehen. Wir erleben gerade einen beängstigenden Umbruch, in dem das Reale und unwiderlegbare Tatsachen wieder zur Disposition stehen, in dem Lügen neuerdings zu „alternativen Wahrheiten“ werden. Durch den gegenwärtigen geopolitischen Wandel sind in vielen Ländern nicht nur demokratische Strukturen, sondern auch das dokumentarische Genre gefährdet. Für autokratische Potentaten ist der kritische Blick von Dokumentarist*innen ein Störfaktor, der ihre populistischen Konzepte und selbstdefinierten Wahrheiten in Frage stellt. In Zeiten, in denen man Bilder manipuliert, Fakten politisiert und missbraucht, kommt Dokumentarprojekten eine besondere Verantwortung zu. Sie müssen Stellung beziehen gegen das Vergessen, gegen die Vereinfachung und die Oberflächlichkeit.
Ein Dokumentarfilm kann vieles bewirken: Er kann Perspektiven verschieben, Vorurteilen entgegenwirken, Denkweisen erschüttern. Selten, aber doch, kann er sogar etwas verändern – nicht, weil er Antworten liefert, sondern weil er Fragen stellt, die uns nicht mehr loslassen. Die Vorstellung, ein Dokumentarfilm könne „objektiv“ sein, ist ein Mythos. Doch genau darin liegt seine eigentliche Stärke: Er bekennt sich zu seiner Subjektivität. Und doch ist es ein sensibler Balanceakt. Wenn er vorgibt, die Wahrheit zu besitzen, wenn er belehren will, verliert er seine Glaubwürdigkeit. Und wenn er nur konsumiert, statt diskutiert wird, bleibt er wirkungslos.
Österreichische Produktionen genießen international hohes Ansehen. Sie sind zwischenzeitlich fester Bestandteil in den Programmreihen aller renommierten Festivals und werden regelmäßig ausgezeichnet. Das 25-jährige Bestehen von dok.at ist ein Moment der Anerkennung des Erreichten aber ebenso ein Auftrag. Es gilt sicherzustellen, dass Förderstellen, Medienpolitik und Verleiher entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, damit sich der Dokumentarfilm auch weiterhin als wichtiger Bestandteil der österreichischen Filmkultur behaupten kann. Seine Rolle wird dann nicht nur in der internationalen Beachtung liegen, sondern auch in der kontinuierlichen Herausforderung, gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar zu machen, als kritische Instanz, als künstlerische Stimme, und – ja – als demokratisches Gewissen unserer Gesellschaft.
Christian Krönes, Regisseur und Produzent,
für den dok.at Vorstand
