Viennale Rückblick

Eintrag vom 1. November 2016

 

Diese österreichischen Dokumentarfilme wurden auf der Viennale gezeigt: MOGHEN PARIS, HOMO SAPIENS, CINEMA FUTURES und SÜHNHAUS

MOGHEN PARIS - UND SIE ZIEHEN MIT

A,I / 2016 / Katharina Copony

Es ist so wie es ist. Ein waberndes Gebilde, ein großes Durcheinander, un grande casino. Blutverklebte Schweineohren werden in Verbindung mit einem Plastiksieb zu einem Hut, eine desolate Herdplatte zum besten Freund des Menschen an der Leine. Die gleichzeitige Anwesenheit von Vergangenem und Zukünftigem: Menschen, Pflanzen, Gegenstände, Tiere – selbst Totes – gleich lebendig, Akteure in einem Ensemble, das beinahe zufällig und spontan sich zusammenfindet. Eine Quasi-Mythologie, aus jeder Ordnung gefallen. Ein wahr gewordener Kindertraum, im besten Sinne sinnlos.

MOGHEN PARIS gewann den Erste Bank MehrWERT-Filmpreis Preis der auf der VIennale.


HOMO SAPIENS

A / 2016 / Drehbuch & Kamera: Nikolaus Geyrhalter, Schnitt: Michael Palm

Verlassene Siedlungen, Ruinen, Trümmer, obsolet gewordenes Gerät, absurde Anhäufungen von Gegenständen – allmählich kapitulierend im rückerobernden Griff eines unnachgiebig wuchernden Grün. In himmeloffenen Hallen schlagen Helikopter-Tauben mit den Flügeln; der Wind pfeift, das herumliegende Zeug antwortet mit Geklapper. Wie kein Zweiter beherrscht Geyrhalter jenes von lyrischer Kraft wie kritischer Analyse geprägte, dokumentarische Kino. Wer will, sieht einen Horrorfilm oder eine post-apokalyptische Studie, oder er lauscht einer Erzählung über das verborgene, das eigentliche Leben der Dinge.

CINEMA FUTURES

A / 2016 / Drehbuch, Schnitt & Musik: Michael Palm, Kamera: Joerg Burger

In diesem verdienstvollen Essayfilm geht es um die entscheidende Frage, wie im Zeitalter der flüchtigen Datenströme mit dem Filmerbe umgegangen wird. Wie bleiben vergangene und gegenwärtige Bilder in Erinnerung, wenn sie künftig keine analoge, keine materiale Grundlage mehr haben? Wie sicher sind die Filmbestände in den großen Serversystemen, auf denen sie zurzeit im großen Stil abgespeichert werden, wie lange werden die Daten lesbar und zugänglich bleiben? Und was passiert im Fall des Schiffbruchs der digitalen Arche Noah?

SÜHNHAUS

A / 2016 / Drehbuch & Regie: Maya McKechneay, Dramaturgie & Schnitt: Oliver Neumann

Ausgehend vom Brand des Wiener Ringtheaters 1881, bei dem knapp vierhundert Menschen zu Tode kamen, geht Maya McKechneay der Historie des Grundstücks an dieser «glücklosen» Adresse von 1848 bis heute nach und erzählt seine Biografie als Chronotopos österreichischer Geschichte. Dabei löst sie mit sicherem Gespür für Bruchlinien aus Details große Fragen, wie die Konsequenzen von Machtpolitik für Individuen oder die Auswirkung von offiziellem Erinnern und Vergessen auf die kollektive Identität. Ein tiefschürfender, spannungsvoller und stilsicherer Essay über individuelle und politische «Geisteshaltungen», damals wie heute.